Freude an der Leistung

Publiziert 1974 in der STZ, Schweiz. Techn. Zeitung
Meine im neuen Jahrtausend wiederentdeckte Kolumne

War jahrelang Lesetext an Schulen und ist heute noch aktuell…

Es ist Ihnen sicher schon aufgefallen, dass die paar hartgekochten
Revoluzzer unter der Jugend in soziologischen Studien genüsslich
den Abkömmlingen der Oberschicht zugeordnet werden. Erlauben Sie
mir bitte, an diesem Punkt weiterzudenken.

Wenn der Sohn von der Natur und einigen anderen Umständen mehr
begünstigt worden ist als sein Vater (seine Mutter mag ihm
zusätzliche Talente vererbt haben), so ist der Nachkomme zu
beneiden. Ihm ist es gegeben, mit etwa der gleichen Anstrengung,
die sein Vater zur Meisterung des Lebens aufgewendet hat, mit
grosser Wahrscheinlichkeit weiter zu kommen. Dies wird sowohl ihn
als auch seine Eltern mit Stolz und Freude an der erbrachten
Leistung erfüllen.

Schwieriger wird es, wenn der Sohn oder die Tochter während der
Schulzeit spürt, dass kein auch noch so grosser Effort genügen
wird, die Meisterschaft des Alten zu erreichen. Zwei Möglichkeiten:
Entweder verstehen es die Eltern, die Freude der Kinder an anderen
Talenten zu wecken, wobei die innere Zufriedenheit eventuell mit
einer gewissen Einbusse an beruflichem Ansehen bezahlt werden muss.
Häufiger und fataler ist die Alternative. Die junge Generation muss
dann eine andere Rechtfertigung für den ausgebliebenen Erfolg
finden. Die Versuchung ist gross, sich aus den Schwierigkeiten
dadurch herauszudefinieren, dass man den Alten als Ausbeuter
deklariert und seinen immensen persönlichen Einsatz gleichzeitig
als falsch verstandenen Lebenssinn diffamiert.

Die hier mehr oder weniger karikierte Grundsituation spielt nun
aber nicht nur zwischen den Generationen. Mit wechselnden
Besetzungen wird auch anderswo das gleiche Stück gespielt. Dem
Besten der Schulklasse wird die Freude an der Leistung genommen,
indem man ihm blinden Fleiss unterschiebt, statt seine Begabung zu
anerkennen. Dem Unternehmer, der seine Jugend dafür hergibt, um ab
Dreissig Arbeitsplätze für Andere zu schaffen, wird Diebstahl an
den Arbeitnehmern vorgeworfen, statt seine Bereitschaft zur
Verantwortung zu würdigen. Dem Polizisten wird die Freude an der
Leistung genommen, indem man für Rechtsbrecher mehr Verständnis
aufbringt als für seine Aufgabe. Dem Selbständigen muss die ständig
wachsende Besteuerung immer mehr als Bestrafung für besondere
Leistungen vorkommen. Dem Werktätigen wird schliesslich die Freude
an der Leistung genommen, indem sich die faulsten, aber am besten
organisierten Vertreter seines Standes dafür einsetzen, dass die
Gehälter nivelliert, die Produktivität festgefahren und damit die
Konkurrenzfähigkeit seiner Produkte im Ausland verringert werden.
Der gemeinsame Nenner? Die Legalisierung des Neides, die aber meist
unter vornehmeren Namen läuft. Lassen Sie Sich das nächste Mal
dennoch nicht die Freude an Ihrer Leistung nehmen. Die Selbstachtung,
die Sie aus ihr schöpfen, brauchen Sie noch nicht zu versteuern.

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