{"id":846,"date":"2011-01-06T13:48:03","date_gmt":"2011-01-06T12:48:03","guid":{"rendered":"http:\/\/stanek.ch\/wordpress\/?p=846"},"modified":"2011-06-06T13:50:22","modified_gmt":"2011-06-06T12:50:22","slug":"bote-forum-201011-im-%c2%abbote-der-urschweiz%c2%bb","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/stanek.ch\/wordpress\/weltgeschehen\/2011\/01\/bote-forum-201011-im-%c2%abbote-der-urschweiz%c2%bb\/","title":{"rendered":"Bote-Forum 2010\/11 im \u00abBote der Urschweiz\u00bb"},"content":{"rendered":"<h1>Abstimmen tun die B\u00fcrger,<br \/>\nnicht die Analysten<\/h1>\n<p>Als Mathematiker hat man gelernt, quantitative Gesetzm\u00e4ssigkeiten zu erkennen und statistischen Zufall von logischen Konsequenzen zu unterscheiden. Man kann es sp\u00e4ter nicht bleiben lassen, diese politisch unerw\u00fcnschte Gewohnheit auch auf Diskrepanzen von Soll und Ist aller Art anzuwenden. Nat\u00fcrlich auch auf die Versuche ver\u00f6ffentlichter Meinungsbildung z.B. vor oder nach Abstimmungen.<\/p>\n<p>Schon in jungen Jahren\u00a0 nahm ich mir etwas Zeit, mich rechtzeitig \u00fcber Sachvorlagen zu informieren, eine Meinung zu bilden und gleichzeitig die parallel dazu laufende Abstimmungspropaganda zu verfolgen. Diese wird bekanntlich selten ohne Prognosen geliefert. Da konnte es aber einmal vorkommen, dass man am Abstimmungstag selber stark besch\u00e4ftigt oder gar im Ausland war. Nach Wochen oder Jahren wurde man in l\u00e4ngst neuem Zusammenhang wieder auf das Resultat aufmerksam und wunderte sich, dass man einiges in falscher Erinnerung behalten hatte. Kein Zufall, und der Grund war fast immer der Gleiche: die Abstimmung war eben anders herausgekommen als es die ver\u00f6ffentlichte Meinung weit herum prognostiziert hatte.<\/p>\n<p>Diese \u00dcberraschungen schienen System zu haben. Die prozentualen Unsicherheiten wurden zun\u00e4chst immer den Linksparteien zugerechnet, oder die Konsequenzen eines Abstimmungsausganges wurden von den Prognosenvollstreckern so gedeutet, dass man als Medienkonsument selber schon am zu erwartenden Resultat zu zweifeln begonnen hatte. Die Interpretationen hinterher halfen ebenso wenig, das tats\u00e4chliche Resultat in Erinnerung zu behalten. Jedes Mal hatte der finanzielle \u00ab100:1- Aufwand\u00bb den Gegnern der einzig richtigen Meinung angeblich geholfen, das Volk \u00abfalsch\u00bb abstimmen zu lassen. Dies, obwohl man beim Inserate-Verh\u00e4ltnis alles andere als ein so drastisches Missverh\u00e4ltnis beobachtet hatte.<\/p>\n<p>Ein andermal waren es die \u00abstockkonservativen Landpomeranzen und Chnuppensager\u00bb, die mit ihren ewiggestrigen Ansichten \u00abfalsch\u00bb abgestimmt hatten. Dies d\u00fcrfte aber aus zwei Gr\u00fcnden unm\u00f6glich gewesen sein, denn wer die Dicke der bald unn\u00f6tigen Telefonb\u00fccher richtig interpretiert, der weiss genau, dass das zahlreichste Stimmvolk in den Agglomerationen wohnt, wo m\u00fcndige B\u00fcrger angeblich immer richtiger abstimmen. Aber es kam erneut doch anders heraus. Falls nun die St\u00e4dter eben trotz ihrer \u00dcberzahl zu faul zum Abstimmen sind, dann w\u00fcrde das ja heissen, dass die l\u00e4ndliche Bev\u00f6lkerung an der politischen Meinungsbildung verantwortungsvoller teilnimmt! Vielleicht, aber kaum in diesem Ausmass. Viel logischer ist, dass sich beide Seiten des Polit-\u00c4quators nicht im Sinne der Classe Politique und schon gar nicht im Sinne der hinterher traditionell schlechten Verlierer entschieden hatten. So geschehen Ende 2009 und Ende 2010. Beide Male wurde mit umgepolten Fakten versucht, den B\u00fcrger anschliessend als unm\u00fcndig zu diffamieren.<\/p>\n<p>Noch scheinheiliger reagiert die Internationale der Angst vor diesem B\u00fcrger hinterher. Angst wohl nicht vor dem B\u00fcrger unseres kleinen Bergvolkes, sondern vor jenem in den EU-Mitgliedl\u00e4ndern! W\u00e4hrend mich nach einem Abstimmungssonntag noch nie eine negative Reaktion z.B. aus Deutschland erreicht hat, waren es fast regelm\u00e4ssig Gratulationen ob dem Mut der beneideten Eidgenossen, sich eigenst\u00e4ndig entschieden zu haben. Also so, wie man offenbar auch im Ausland meist denkt &#8211; dort, wo man noch darf. Offiziell ist hingegen sofort ein Aufschrei der juristischen Vordenker in Br\u00fcssel zu h\u00f6ren, die uns hinterher gleich Tod und Teufel prophezeien, was sich bisher allerdings in jedem Fall als diametral falsch erwiesen hat.<\/p>\n<p>Heilige Einfalt: wo war denn diese Keule des V\u00f6lkerrechts, als General Mladic beim Zerfall von Ex-Jugoslawien die holl\u00e4ndischen Vollstrecker der ach so gef\u00fcrchteten Keule an Br\u00fcckengel\u00e4ndern bei Sarajevo angekettet hatte? So lange, bis der V\u00f6lkermord vollbracht war? Das V\u00f6lkerrecht war erst wieder hergestellt, als ein weiteres Mal nach 1915 und 1941 Soldaten aus 10&#8217;000 km Entfernung herbeigeeilt waren und in den 1990er Jahren binnen weniger Tage den Massenmord auf v\u00f6lkerrechtlich gesch\u00fctztem Euro-Boden gestoppt hatten. Stattdessen hackt man auf einer unter Heimatschutz verdienenden Volksdemokratie herum, ausgerechnet inmitten des neuen Europas!<\/p>\n<p>Seit Jahren bersten unsere Unf\u00e4lle-und-Verbrechen-Rubriken voller haarstr\u00e4ubender Schweizer F\u00e4lle mit Kriminellen aus L\u00e4ndern, die l\u00e4ngst f\u00fcr deren eigenen Zustand bekannt sind. Wenn sich das Volk endlich f\u00fcr ein Gesetz aufrafft, das bei der Umsetzung erfahrungsgem\u00e4ss im besten Fall nur die allergr\u00f6ssten Schurken aus dem Land weist, dann setzen sich unsere oft zu Recht \u00abWischi-Waschi\u00bb genannten Parteien sofort wieder f\u00fcr deren Schutz ein! Im Namen des V\u00f6lkerrechts, wohlgemerkt. Ein ganz anderes Verh\u00e4ltnis als bei der soeben ge\u00e4usserten Volksmeinung dominiert die Analysen nach gl\u00fccklichem Ausgang einer Abstimmung regelm\u00e4ssig in unserem Bl\u00e4tterwald. Die Radio-Stimmen sprechen nur noch von den armen Ausl\u00e4ndern, welche ihre AHV-Nummer ins falsche Feld eingetragen haben, daher straff\u00e4llig geworden sind und nun ausgeschafft werden m\u00fcssten. Organisierte Kriminalit\u00e4t gibt es f\u00fcr sie schon gar nicht.<\/p>\n<p>In Basel war gleich von der \u00abGefahr\u00bb die Rede, dass die Diktatur der Kommentare und Analysen im Monopolblatt durch einen anderen Besitzer, Verleger oder Chefredaktor \u00abgef\u00e4hrdet\u00bb sein k\u00f6nnte. Wo man, wie z. B. in der \u00abWeltwoche\u00bb, auch \u00abpopulistischen\u00bb Stimmen das Wort gibt. Solche im Basler Filz leider gar nicht mehr existierenden Kr\u00e4fte wurden, wie ein unbotm\u00e4ssig ausserkantonaler Drummeli-Gewinner, sogleich vom Rheinknie weg geekelt. Das zuvor beschriebene Gewohnheitsrecht der Desinformation hat also da und dort im Lande immer noch eine \u00abSystem stabilisierende\u00bb Wirkung. Weniger einseitig w\u00fcrde es ja die Wirkung verlieren.<\/p>\n<p>Nur in Basel? Nein, denn neuerdings muss die w\u00e4hlerst\u00e4rkste Partei der Schweiz ihre Versammlungen, wie vor 700 Jahren beim R\u00fctli, auf eine Wiese verlegen, weil es in einem geschlossenen Lokal zu gef\u00e4hrlich gemacht worden ist.<\/p>\n<p>Als ganz junger Assistent an der ETH, um etwa 1970, freute ich mich einmal \u00fcber den Besuch eines wesentlich erfahreneren Nationalrates an einer meiner gr\u00f6sseren Veranstaltungen im Lande. \u00a0Er war ebenfalls Ex-Rorschacher, und ich hatte nie erwartet, ihn eines Tages leibhaftig kennen zu lernen. Er nutzte die Gelegenheit, dem politisch sicher noch sehr unbeschriebenen Blatt das Wichtigste \u00fcber die Schweizer Politik f\u00fcr die n\u00e4chsten Jahrzehnte mit auf den Weg zu geben: \u00abUnsere sieben Bundesr\u00e4te sind doch das intelligenteste Septett im Lande, aber alle zusammen entscheiden sich kollektiv jeweils wie der d\u00fcmmste B\u00fcrger im Lande. Jene Millionen von B\u00fcrgern aber, lauter ungebildete, unzurechnungsf\u00e4hige und verantwortungslose Typen, w\u00fcrden im Kollektiv bei Abstimmungen immer wieder wie ein verbl\u00fcffend gescheiter Volksvertreter in Erscheinung treten.\u00bb<\/p>\n<p>H\u00e4ngt das wohl mit dem Titel dieser Kolumne zusammen?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Abstimmen tun die B\u00fcrger, nicht die Analysten Als Mathematiker hat man gelernt, quantitative Gesetzm\u00e4ssigkeiten zu erkennen und statistischen Zufall von logischen Konsequenzen zu unterscheiden. 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