{"id":754,"date":"2011-01-01T21:23:04","date_gmt":"2011-01-01T20:23:04","guid":{"rendered":"http:\/\/stanek.ch\/wordpress\/?p=754"},"modified":"2017-11-03T22:21:56","modified_gmt":"2017-11-03T21:21:56","slug":"heimweh-nach-beverly-hills","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/stanek.ch\/wordpress\/weltgeschehen\/2011\/01\/heimweh-nach-beverly-hills\/","title":{"rendered":"Heimweh nach Beverly Hills"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der zehnte von 13 Texten, die ich f\u00fcr den Kulturplatz-Blog des Schweizer Fernsehens geschrieben hatte im Gefolge meiner Mitwirkung in der Gedenksendung zu \u00ab40 Jahre seit Apollo 11\u00bb<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p>Vor 44 Jahren kam ich erstmals nach Los Angeles und lebte in einem Wohnviertel zwischen Beverly Hills und Culver City. Da ich noch kein Auto besass und auf Transportm\u00f6glichkeiten angewiesen war, aber auch weil man wegen dem Smog nie weiter sehen konnte als bis zur n\u00e4chsten Ampel, w\u00e4hrend dahinter alles in gleichm\u00e4ssigem Braun verschwand, wusste ich nie genau, wo ich war. Vor allem als Fussg\u00e4nger erforderte dies einiges an Orientierungsverm\u00f6gen \u2013 und ein Ged\u00e4chtnis f\u00fcr lokale Besonderheiten. Wie an einem wolkigen Tag war die Sonne praktisch nie sichtbar, also versagte auch meine \u201eAstronavigation\u201c. Selbst mitten im gr\u00fcnsten Park, wo man weder eine Strasse noch ein Auto sehen konnte, roch es wie in der untersten Etage einer Tiefgarage. Die Leute klagten \u00fcber Sinusitis, also Nasenschleimhautentz\u00fcndung, nahmen aber alles sehr gelassen und waren bemerkenswert freundlich. Wenn mich meine Gastfamilie nach Hollywood, Santa Monica oder Pasadena f\u00fchrte, bemerkte man kaum \u00f6rtliche Unterschiede. Irgendwo kreiselte man sich auf einen Freeway, trat eine halbe Stunde aufs Gas, verwirrte mich mit st\u00e4ndigen Wechseln auf mehrst\u00f6ckige Autobahnen, die damals schon bewachsen waren wie die H\u00e4ngenden G\u00e4rten von Semiramis im antiken Babylon, und erreichte pl\u00f6tzlich einen anderen Stadtteil in dieser Metropole von der Gr\u00f6sse des Schweizerischen Mittellandes. Gerade wegen meinem nicht so schlechten Orientierungsverm\u00f6gen irritierte mich am meisten, dass ich kaum je sagen konnte, in welche Richtung man gefahren war! So n\u00fctzten mir auch die in der damals rasch wachsenden Stadt alle weil unvollst\u00e4ndigen Karten nicht viel. Soweit ich \u00fcberhaupt je eine zu sehen kam, denn mir schien, dass es die Gastgeber als v\u00f6llig \u00fcberfl\u00fcssig betrachteten, den Besucher aus der Gestrigen Welt \u00fcber die Geographie dieser Stadt aufzukl\u00e4ren. Bei ihnen fuhren S\u00f6hne und T\u00f6chter schliesslich schon mit 16 Jahren Auto und die Eltern durften sie bereits ab dem 15. Altersjahr ans Steuer lassen, damit es der Nachwuchs sicher und gr\u00fcndlich lernte. Ein Fossil aus Europa musste nicht aufgekl\u00e4rt werden, er hinkte sowieso eine Generation hinterher.<\/p>\n<p>Mich zog es sieben Jahre sp\u00e4ter erstmals wieder nach Los Angeles, und meine Aufholjagd begann, selber ein akzeptiertes Mitglied der amerikanischen Gesellschaft zu werden. Langsam begann ich, den gewaltigen Kosmos automobil zu erkunden, und z.B. die St\u00e4tten meiner ersten Besuche wieder zu finden. Bald entdeckte ich die Sch\u00f6nheit der Hollywood Hills und das Griffith Observatorium dort oben \u2013 und gleichzeitig eine grosse Wandlung, welche die Stadt in den 11 Jahren zuvor gemacht hatte. Ein \u00e4lterer Herr bewunderte dort oben einmal die Aussicht, und erstmals sah ich von jenem Punkt die Weite von Los Angeles als Ganzes vor mir. Der Mann kl\u00e4rte mich auf: seit den 1930er-Jahren h\u00e4tte er nie mehr die gut 20 Kilometer bis nach Santa Monica am Rand des Pazifiks sehen k\u00f6nnen! Trotz wachsendem Verkehr war es also gelungen, dem Smog Herr zu werden. Der Katalysator und bleifreies Benzin hatten das Wunder vollbracht. Nach fast zwei Jahrzehnten zog die \u00fcbrige Welt nach, und der Katalysator musste nicht mehr aus US-Autos entfernt werden. In der \u00dcbergangszeit freute ich mich einmal \u00fcber einen Schweizer Bauer auf einer Reise durch die USA. Sein grosses Staunen gr\u00fcndete in der Beobachtung, dass er trotz den Millionen von Autos auf den meist f\u00fcnfspurigen Autobahnen keines mehr riechen konnte, w\u00e4hrend er in Wien oder Madrid jeden Abend noch schwarzen Russ schn\u00e4uzen musste.<\/p>\n<p>Mit jedem Besuch im Ungelobten Land entdeckte ich Neues in Los Angeles. Die noch 1965 Tag und Nacht im gleichen Takt schaukelnden \u00d6lbohrt\u00fcrme auf H\u00fcgeln in der Stadt verschwanden in Museen, die Landschaft wurde wieder gr\u00fcn, und in Beverly Hills, den Wohnvierteln neben Hollywood, begann die Wohnqualit\u00e4t bald auch meine Frau zu faszinieren. Die Blumen in den G\u00e4rten dufteten noch \u00fcber die weiterhin breiten Strassen hinweg, die Architektur in den italienischen oder franz\u00f6sischen Restaurants war immer weniger von vergleichbaren Lokalen in Rom oder Paris zu unterscheiden \u2013 nur die Bedienung war ungleich freundlicher. Auf unseren Spazierg\u00e4ngen entdeckten wir H\u00e4user aus der gleichnamigen TV-Serie, in Hinterh\u00f6fen der nur noch wenigen \u00e4lteren Viertel glaubte ich mehrmals Schaupl\u00e4tze der schwarzweissen Filme von Charlie Chaplin (wenn auch in Farbe) zu erkennen, und das mir zun\u00e4chst nicht besonders sympathische Los Angeles offenbarte sich in Raum und Zeit als jener Kulturraum, der von Film, Musik und Raumsonden zu den Planeten so vieles geschaffen hat, das fr\u00fcher oder sp\u00e4ter die Welt in der einen oder anderen Weise erobert hat. Vom Pazifik bis nach Pasadena sp\u00fcrte ich die Kraft der Angelinos, Probleme in Rekordzeit zu l\u00f6sen. Die Stadt zeigt im Abstand von wenigen Jahren immer wieder ein neues Gesicht, einen neuen Lebensstil und neue Perspektiven.<\/p>\n<p>Je mehr Schweizer aus dem Showbusiness ich kennen lernte, desto mehr wurde mir klar, dass ich mit meinen Eindr\u00fccken gar nicht allein war. Auch Andere konnten dort auf die verschiedensten Arten gl\u00fccklich werden, sei es, dass sie dort die ihnen passenden Kleider fanden, die ihnen sympathischen Restaurants entdeckten, gleich gesinnte K\u00fcnstler als Freunde gewannen, dem Neid ihrer Herkunftsl\u00e4nder entfliehen oder sich an den Hochschulen in zukunftsweisenden Disziplinen ausbilden konnten, sich \u00fcber die neuesten Lifestyle-Trends informieren oder einfach eine sch\u00f6pferische Pause einlegen wollten. Ich besorgte mir im Vorort Pasadena w\u00e4hrend Jahren Informationen \u00fcber die neueste Planetenforschung, was nun \u00fcber das World Wide Web allerdings einfacher und billiger, aber vom Gesamteindruck her nicht besser geworden ist. Heimweh nach Beverly Hills? Ich w\u00e4re nicht der Einzige. Immerhin mit der Ausrede, bei Gelegenheit auch noch meinen Sohn im Silicon Valley besuchen zu k\u00f6nnen. Ihm ist es in Palo Alto und Santa Cruz bei San Francisco offenbar genau so wohl geworden \u2013 trotz der harten Arbeit und den respektablen Lebenskosten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der zehnte von 13 Texten, die ich f\u00fcr den Kulturplatz-Blog des Schweizer Fernsehens geschrieben hatte im Gefolge meiner Mitwirkung in der Gedenksendung zu \u00ab40 Jahre seit Apollo 11\u00bb Vor 44 Jahren kam ich erstmals nach Los Angeles und lebte in &hellip; <a href=\"http:\/\/stanek.ch\/wordpress\/weltgeschehen\/2011\/01\/heimweh-nach-beverly-hills\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-754","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-weltgeschehen"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/stanek.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/754","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/stanek.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/stanek.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/stanek.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/stanek.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=754"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/stanek.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/754\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":757,"href":"http:\/\/stanek.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/754\/revisions\/757"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/stanek.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=754"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/stanek.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=754"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/stanek.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=754"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}