{"id":527,"date":"2009-10-10T18:23:56","date_gmt":"2009-10-10T17:23:56","guid":{"rendered":"http:\/\/stanek.ch\/wordpress\/?p=527"},"modified":"2010-12-02T18:25:34","modified_gmt":"2010-12-02T17:25:34","slug":"bote-der-urschweiz-forum-herbst-2009","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/stanek.ch\/wordpress\/weltgeschehen\/2009\/10\/bote-der-urschweiz-forum-herbst-2009\/","title":{"rendered":"Bote der Urschweiz &#8211; Forum Herbst 2009"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das ganze Jahr ist Sauregurkenzeit<\/strong><\/p>\n<p>Diesen Juli wurde der 40. Jahrestag der ersten Mondlandung gefeiert. Viele Medien holten noch einmal zum \u00abletzten\u00bb Schlag aus, um mit offensichtlichen Falschmeldungen die Echtheit des ganzen Apollo-Mondlandeprogrammes der USA (1967-1972) zu bezweifeln. Nie zuvor w\u00e4re jemand auf die Idee gekommen, einen Film dar\u00fcber zu drehen, weshalb die Erfolge der russischen Erstleistungen bis 1965 von dem Moment an aufh\u00f6rten, wo jene mit Spionagesatelliten kontrolliert werden konnten. Umgekehrt galt es 30 Jahre sp\u00e4ter als television\u00e4re Avantgarde, ein paar Durchschnittsb\u00fcrger in eine Kapsel zu sperren, und sie vom Fernsehvolk mehrmals l\u00e4nger live beobachten zu lassen, als der Flug von multi-talentierten Astronauten in viel raffinierteren Kapseln zum Mond und zur\u00fcck gedauert hatte. Jene Leistung wurde von der ver\u00f6ffentlichten Meinung zun\u00e4chst als nicht spannend deklariert, und dann sogar geleugnet, als dies dem Interesse der Zuschauer immer noch keinen Abbruch tat.<\/p>\n<p>Als sp\u00e4ter Apollo 13, die einzige von sieben Mondexpeditionen, die nicht planm\u00e4ssig abgelaufen war, verfilmt wurde, da wurde der Begriff \u00abweltbewegend\u00bb ein weiteres Mal pervertiert. Irgendetwas am pl\u00f6tzlich aufflammenden Publikumsinteresse erinnerte mich daran, dass die Metzger die besten W\u00fcrste immer noch aus Fleisch herstellen. Warum aber hatte Hollywood ausgerechnet die einzige Mission gew\u00e4hlt, die misslungen war? Ich sah mich st\u00e4ndig Zuschauern gegen\u00fcber, denen ich erst erkl\u00e4ren musste, dass nicht jede der sieben Mondexpeditionen von Pech verfolgt war, sondern nur diese eine! Krumme Vorstellungen waren auch dadurch entstanden, dass die NASA den Film zwar gelobt hatte, ich aber von den drei Mannschaftsmitgliedern Lovell, Swigert und Haise eine ganz andere Pers\u00f6nlichkeits-Rangordnung in Erinnerung hatte, als sie im Film zum Ausdruck kam. Ich hatte schliesslich als 27J\u00e4hriger drei Tage mit ihnen verbracht, eine l\u00e4ngere TV-Sendung aus dem Bundeshausstudio ganz allein moderiert und Fragen stellen d\u00fcrfen, war mit allen Begleitern im Autokonvoi durch die Schweiz und zu weiteren solchen Anl\u00e4ssen ins Verkehrshaus und in den Physik-H\u00f6rsaal der ETH gefahren \u2013 immer in Tuchf\u00fchlung mit den Astronauten und ihren Gattinnen.<\/p>\n<p>Die NASA hat im rund 30 Jahre sp\u00e4ter gedrehten Film sicher auch Nuancen zwischen Dichtung und Wahrheit entdeckt, aber ihr ging es um etwas ganz Anderes: der Film hatte pl\u00f6tzlich wieder grosse Anteilnahme am Thema Raumfahrt bewirkt, und das konnte der US-Weltraumbeh\u00f6rde nur recht sein! Eben noch war die historische Wirklichkeit und damit die gr\u00f6sste technische Leistung der Menschheit weit herum als \u00abkalter Kaffee\u00bb bezeichnet worden, und nun pl\u00f6tzlich erreichte das Surrogat des einstigen Geschehens h\u00f6chste Beachtung! Dies ausgerechnet bei Leuten, denen zuvor alles, aber sicher nicht die Raumfahrt wichtig gewesen war. Ich suchte nach einer Erkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>Schon fr\u00fcher war mir aufgefallen, dass der Zeitgenosse die Reflektion \u00fcber Geschehenes aus dem Lexikon gr\u00fcndlicher zur Kenntnis nimmt als die unvergorene Wirklichkeit, die er zwar selber erlebt hat, aber \u00fcber deren geschichtliche Bedeutung er sich selber m\u00fchsam Klarheit verschaffen m\u00fcsste. Nur die Darstellung im Lexikon \u2013 oder nun eben im Spielfilm &#8211; zum Ereignis garantiert ihm, dass er es exakt gleich wie Genosse Mitmensch in seinen Wissensschatz einbauen kann. Einer, der sich ebenfalls erst Jahre sp\u00e4ter informiert hat \u2013 oder sich wieder hat erinnern lassen. Dagegen w\u00e4re nichts einzuwenden, wenn nicht das Schablonenwissen zu einer Faktenresistenz f\u00fchren w\u00fcrde, welche es eben erst erlaubt, Richtiges zu leugnen und Wunschdenken zum geistigen Allgemeingut des Volkes zu erheben. Nicht nur in der Raumfahrt, auch bei der Pflege von Paniken aller Gattung &#8211; vom Waldsterben \u00fcber die Milleniums-Katastrophe bis zur Universalgrippe.<\/p>\n<p>Zu den Erfahrungen bei etwa 40 Interviews zum Mond-Jubil\u00e4um im vergangenen Sommer und in allen denkbaren Medien geh\u00f6rt f\u00fcr mich eine eigentliche kulturelle Rochade: die 40j\u00e4hrige Migration des Themas von den Wissenschafts- zu den Kulturredaktionen! Zur Zeit der gr\u00f6ssten Triumphe von 1969 bis 1972, als sechs Mondexpeditionen immer selbstverst\u00e4ndlicher und weitr\u00e4umiger auf unserem Erdtrabanten herumforschten, da geh\u00f6rte Raumfahrt noch zur Wissenschaftsredaktion des Schweizer Fernsehens, weil sie von jedem Kommentator \u00abdiskriminierende\u00bb Vorkenntnisse abforderte und man die Arbeit gerne Fachleuten \u00fcberliess. In einer Reihe von europ\u00e4ischen L\u00e4ndern tappten n\u00e4mlich w\u00e4hrend den Flugjahren zum Mond einige sehr bestandene Medienleute in die Falle, ihre irdischen Erfahrungen auf Ausserirdisches anzuwenden und dabei gr\u00fcndlich daneben zu greifen. Gebrannte Kinder in der Medienwelt lernten das Thema rasch zu meiden. Dies war ja auch deshalb opportun, weil der Mythos von der Allmacht russischer Raumfahrt gebrochen war.<\/p>\n<p>40 Jahre sp\u00e4ter war es irgendwie umgekehrt. Wissenschaftsredaktionen verf\u00fcgten immer weniger \u00fcber Mitarbeiter aus wissenschaftlichen Disziplinen. Stattdessen hatte die \u00abSoft Science\u00bb\u00a0 den Umweltpessimismus entdeckt, dessen Erkenntnisse von Al Gore und Geistesverwandten aus politisch h\u00f6chster Warte heruntergereicht wurden. Grosstechnologie und Raumfahrt waren \u00about\u00bb. Die Physik l\u00e4sst sich nur in solchen Kreisen ausser Kraft setzen, was anderswo h\u00f6chstens bei gen\u00fcgend Subventionen m\u00f6glich wird. Eine Kulturredaktion konnte sich gerade noch leisten, einen fachkundigen \u00abRaumfahrtspezialisten\u00bb zur sch\u00f6nsten Moderatorin einzuladen und die Zuschauerzahlen mit dem uninteressantesten Thema des Universums etwas anzuheben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das ganze Jahr ist Sauregurkenzeit Diesen Juli wurde der 40. Jahrestag der ersten Mondlandung gefeiert. 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