{"id":455,"date":"2003-08-30T18:53:25","date_gmt":"2003-08-30T17:53:25","guid":{"rendered":"http:\/\/stanek.ch\/wordpress\/?p=455"},"modified":"2010-12-01T18:55:46","modified_gmt":"2010-12-01T17:55:46","slug":"kolumne-im-st-galler-tagblatt-30-august-2003","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/stanek.ch\/wordpress\/raumfahrt\/2003\/08\/kolumne-im-st-galler-tagblatt-30-august-2003\/","title":{"rendered":"Kolumne im St. Galler Tagblatt 30. August 2003"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00abIrdische Erfahrungen aus Unf\u00e4llen der NASA\u00bb<br \/>\nKolumne im St.Galler Tagblatt am 30.8.2003<\/strong><\/p>\n<p>Kein Zweifel: Shuttle-Unf\u00e4lle k\u00f6nnen nur der NASA passieren. Niemand sonst betreibt einen bemannten Raumtransporter. Russland und Europa h\u00e4tten gerne einen gebaut und mussten es aufgeben. Die \u00fcbrige Welt hat also mit Shuttles so wenig Probleme wie ein Analphabet mit der Rechtschreibereform. Somit darf ungeniert kritisiert werden.<\/p>\n<p>Der US-Shuttle wurde 1972-1981 entwickelt, und startete 114mal. Beim 25. Mal exlodierte Challenger wegen undichten Boostern, und beim 114. Mal passierte es bei der feurigen Landung des Raketenflugzeuges, als die zweite von f\u00fcnf gebauten Flugeinheiten, die Columbia, verloren ging. Beide Male starben sieben Astronauten. Unser Schweizer Astronaut Claude Nicollier hatte des exklusive Privileg, als einziger Nicht-Amerikaner viermal mit dem Shuttle zu fliegen. Er kannte die Risiken, f\u00fchlte sich aber immer sicher und verteidigte wiederholt die technischen Genialit\u00e4t des einzigen wiederverwendbaren Raumtransporters.<\/p>\n<p>Ingenieure preisen noch heute die geniale anderthalbstufige L\u00f6sung. Diese wurde gew\u00e4hlt, weil zwei schwerere, voll wiederverwendbare, Stufen bei der Entwicklung enorme Kosten verursacht h\u00e4tten. An einen einstufigen Shuttle durfte man damals schon gar nicht denken. Nach \u00fcber 30 Jahren gilt beides immer noch: zweistufig w\u00fcrde sich nur bei sehr hoher Flugfrequenz lohnen, w\u00e4re zu teuer und nicht minder riskant. Einstufigkeit hat man nach einem lehrreichen Versuch vor einigen Jahren aufgegeben, weil die Physik immer noch die gleiche ist wie 1972.<\/p>\n<p>Im Verlaufe der Raumfahrtgeschichte habe ich immer neue Beispiele zum Prinzip &#8222;Sparer leben gef\u00e4hrlich&#8220; gefunden. Auch die Wiederverwendbarkeit war aus Spargr\u00fcnden gefordert worden. Jede Komponente altert aber im gleichen Mass wie die Amortisation der Kosten &#8211; und die Zuverl\u00e4ssigkeit nimmt stetig ab. Gleichzeitig wird die Innovation verhindert, weil der technologische Stand eines Systems eingefroren wird. Bei Wegwerfraketen gilt das nicht. So war die gut gemeinte Sparl\u00f6sung zu schlechter letzt sogar teurer geworden, weil billigere und modernere Bauteile nicht einsetzbar waren, sondern teure Kapazit\u00e4ten zum Unterhalt veralteter Systeme bewahrt werden mussten.<\/p>\n<p>In den letzten Jahren war immer mehr ein Management mit dem Betrieb der Raumtransporter beauftragt, das bei der seinerzeitigen Entwicklung des Systems gar nicht mehr dabei war. Die Kluft zwischen sattelfesten Ingenieuren und den zur Einhaltung des Budgets verpflichteten Flugkontrolleuren wurde immer tiefer. Insider formulierten es so: Man sollte von kritischen Ingenieuren nicht verlangen, dass sie den Beweis erbringen, ein System sei unsicher zum fliegen. Es sollte vielmehr an den Managern der Organisation mit ihrem de-facto Vetorecht liegen, den Beweis f\u00fcr die Flugsicherheit aller Systeme zu liefern! Bei der NASA war man sich dessen voll bewusst, und hatte diese Erkenntnis auch schon beim Challenger-Unfall best\u00e4tigt bekommen, aber niemand sah eine M\u00f6glichkeit, das immer durchzusetzen.<\/p>\n<p>Diesmal schlug der Fehlerteufel in der bekanntermassen heiklen Phase des Wiedereintrittes zu, wo ein Orbiter mehr Bewegungsenergie vernichten muss, als zur Verdampfung desselben n\u00f6tig w\u00e4re! Nicht etwa mit abdampfenden Einweg-Hitzeschilden wie bei fr\u00fcheren Kapseln &#8211; nein, mit wiederverwendbaren, und m\u00f6glichst nicht einmal angesengten! Was einst unm\u00f6glich galt, war f\u00fcr Unkundige schon selbstverst\u00e4ndlich geworden. Die Columbia hatte das schliesslich 27mal \u00fcberlebt, ohne dass z.B. die kritische Kachel an der Fl\u00fcgelkante von unten her inspiziert oder gar ersetzt wurde! Beim 28. Start traf nun ein abgerissenes Isolations-St\u00fcck des zentralen Tankes eine Schwachstelle, und bei der Landung gen\u00fcgte ein Spalt, um schliesslich den ganzen linken Fl\u00fcgel abzuschmelzen, w\u00e4hrend alle \u00fcbrigen Systeme den Orbiter bis fast zuletzt bewundernswert auf Kurs hielten!<\/p>\n<p>Ein Rettungsversuch w\u00e4re problematischer gewesen als die Landung auf Risiko. Die Flucht in die Raumstation ISS war so unm\u00f6glich wie ein abholen der Crew von Shuttle zu Shuttle ohne gen\u00fcgend Raumanz\u00fcge und Training. Die Atlantis war nicht startbereit und allenfalls genau so gef\u00e4hrdet, \u00fcberladen mit einer Zehnermannschaft. Eine fast sicher misslungene Rettungsaktion w\u00e4re den Kritikern Amerikas noch willkommener gewesen.<\/p>\n<p>Fazit: Die ersten paar Starts nach der Wiederaufnahme von Fl\u00fcgen (fr\u00fchestens ab April 2004) werden die sichersten sein, denn so lange werden die Beamten den Ingenieuren die Verantwortung \u00fcberlassen. Good luck Atlantis!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00abIrdische Erfahrungen aus Unf\u00e4llen der NASA\u00bb Kolumne im St.Galler Tagblatt am 30.8.2003 Kein Zweifel: Shuttle-Unf\u00e4lle k\u00f6nnen nur der NASA passieren. Niemand sonst betreibt einen bemannten Raumtransporter. Russland und Europa h\u00e4tten gerne einen gebaut und mussten es aufgeben. 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