{"id":445,"date":"2003-02-03T18:15:54","date_gmt":"2003-02-03T17:15:54","guid":{"rendered":"http:\/\/stanek.ch\/wordpress\/?p=445"},"modified":"2010-12-01T18:18:11","modified_gmt":"2010-12-01T17:18:11","slug":"interview-berner-zeitung-3-februar-2003-nach-columbia-unfall","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/stanek.ch\/wordpress\/raumfahrt\/2003\/02\/interview-berner-zeitung-3-februar-2003-nach-columbia-unfall\/","title":{"rendered":"Interview Berner Zeitung 3. Februar 2003 nach Columbia-Unfall"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00abRaumfahrt wird uns einst das \u00dcberleben sichern\u00bb<br \/>\nInterview in der Berner Zeitung vom 3.2.2003<\/strong><\/p>\n<p>Raumfahrt-Experte Bruno L . Stanek glaubt nicht, dass der j\u00fcngste Unfall im Weltraum die Raumfahr l\u00e4hmen wird. Vielmehr gibt er sich \u00fcberzeugt, dass \u00abRaumschiffe gerade dank Unf\u00e4llen k\u00fcnftig noch sicherer werden\u00bb.<\/p>\n<p>Interview: Fredy Gasser<\/p>\n<p>Herr Stanek, bereits sprechen viele vom schweren R\u00fcckschlag f\u00fcr die gesamte Raumfahrt \u2013 besteht Grund dazu?<\/p>\n<p>Bruno L. Stanek: Aus geschichtlicher Sicht ist diese Aussage traditionell \u00fcbertrieben. Es ist der vierte Unfall dieser Art: zwei bei den Russen \u2013 beim 1. Sojus und beim 11. Sojus; die anderen zwei die \u00abChallenger\u00bb vor 17 Jahren beim Aufstieg und jetzt die \u00abColumbia\u00bb vor der Landung. Aber jedesmal ist es weitergegangen, jedesmal sind die Raumschiffe besser geworden. Unf\u00e4lle geh\u00f6ren zum Lernprozess, genau wie vor 100 Jahren bei der Luftfahrt.<\/p>\n<p>Das t\u00f6nt hart.<\/p>\n<p>Es t\u00f6nt hart, aber die Welt ist noch h\u00e4rter. Es ist ein R\u00fcckschlag, aber hoffen wir, dass er \u2013 wie die Vergangenheit oft gezeigt hat \u2013 zu einem Fortschritt f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Astronauten und Bodenpersonal stecken einen solchen Unfall wohl nicht leicht weg.<\/p>\n<p>Wie gesagt: Denken Sie an die Luftfahrt in deren Anf\u00e4ngen. Da waren lauter Freiwillige, die ihr Leben riskiert und fast eben so oft auch verloren haben. Immer ist es weiter gegangen. Bei den Astronauten ist es so: Jeder ist sich der Gefahren bewusst, jeder bespricht dies mit seiner Familie. Aber trotzdem macht jeder mit, und hinter ihm stehen viele, die gerne bei der realen Science Fiction mitmachen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Aufhalten l\u00e4sst sich keiner.<\/p>\n<p>Nein, Astronauten wissen, was f\u00fcr eine wichtige Aufgabe sie f\u00fcr die Menschheitsgeschichte leisten. Und daf\u00fcr riskieren sie ihr Leben. Jeder 30. hat es verloren. Etwa jeder 100. Schweizer verliert es im Verlaufe seiner Lebensspanne auch &#8211; im oft sinnlosen Strassenverkehr.<\/p>\n<p>Was ist denn so bedeutend etwa an den Erkenntnissen, wie sich Proteine im schwerelosen Raum verhalten?<\/p>\n<p>Das kann Ihnen Dr. Cogoli von der ETH sehr genau erkl\u00e4ren. Langfristig wird die Raumfahrt das sein, was als einziges unser langfristiges \u00dcberleben sichern kann.<\/p>\n<p>Das sagen Sie, weil Raumfahrt Ihr Fachgebiet ist.<\/p>\n<p>Nein. Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Schon mehrere Male in der Jahrmillionen alten Geschichte der Erde ist diese mit einem Kleinplaneten kollidiert, der jedes Mal fast alles Leben zerst\u00f6rt hat. Wenn es jetzt eines Tages wieder heisst, ein Kleinplanet n\u00e4here sich der Erde, es dauere z.B. noch f\u00fcnf Monate bis zum Absturz &#8211; da wollen doch sicher alle wissen, wo er und wann genau er abst\u00fcrzt. Alle Astronomen rechnen, die Zeit vergeht, aber den Absturz verhindern kann niemand. Sp\u00e4testens dann wird es heissen: Wo sind die Amerikaner, sie k\u00f6nnen ihn doch runterschiessen \u2013 etwas, was technisch absolut machbar ist. Aber die Menschheit wird so nicht zu retten sein, wenn man die Raumfahrt heute nicht wagt. Irgendwie \u00e4hnlich, wie die Chinesenkaiser vor gut 500 Jahren die Weltumsegelungen verboten und ihrem Volk den Weg gewiesen haben.<\/p>\n<p>Also ist der Fortschritt wichtiger, f\u00fcr den hohen Preis von katastrophalen Unf\u00e4llen.<\/p>\n<p>Ohne Unf\u00e4lle geht es nie, weder im Luft- noch im Strassenverkehr. Den Schw\u00e4chsten unter uns m\u00f6chte ich sagen: nicht einmal der Drogenkonsum ist gefahrlos. Raumfahrt ist innerhalb Technologiegeschichte eine der unfallfreiesten Aktivit\u00e4ten, die der Mensch je unternommen hat.<\/p>\n<p>Hat der Unfall der \u00abColumbia\u00bb Sie pers\u00f6nlich nicht ber\u00fchrt?<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich hat er mich getroffen, und sofort ist mir in den Sinn gekommen, wie es vor 17 Jahren bei der \u00abChallenger\u00bb war, obwohl ich damals wie diesmal fast zuf\u00e4lligerweise keinen der Astronauten pers\u00f6nlich gekannt hatte. Ich war einen Tag schockiert, zum Gl\u00fcck 48 Stunden fast rund um die Uhr besch\u00e4ftigt, und wir fragten uns: wie gehts weiter?<\/p>\n<p>Lassen sich die Unf\u00e4lle \u00abColumbia\u00bb und \u00abChallenger\u00bb vergleichen?<\/p>\n<p>Die Situation ist heute wesentlich besser. Damals hat man zun\u00e4chst \u00fcberhaupt keine Ahnung, weshalb es zum Unfall gekommen ist. Man wusste insbesondere nicht, ob die Ursache beim Orbiter oder bei den Tanks oder den Feststofftriebwerken lag. Diesmal hat man aber noch drei intakte, bis zu 30mal geflogene Orbiter, die auf jede m\u00f6gliche Schwachstelle untersucht werden k\u00f6nnen. Heute hat man die Erfahrung von 111 erfolgreichen Shuttle-Fl\u00fcgen!<\/p>\n<p>Zumal es bereits Verdachtsmomente gibt.<\/p>\n<p>Ja, die gibt es: Die \u00abColumbia\u00bb war alt; man ist bis an die Limiten gegangen. Sie war in gewissem Sinn auch veraltet, ist noch schwerer als j\u00fcngere Modelle, die bei kleinerem Gewicht bereits \u00fcber die h\u00f6here Festigkeit verf\u00fcgen. Sie war auch st\u00e4rker umgebaut: das Cockpit hatte bei den ersten vier Testfl\u00fcgen noch eingebaute Schleudersitze und Columbia war f\u00fcr l\u00e4ngere &#8222;Freifl\u00fcge&#8220; (unabh. Raumstation) abge\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Astronauten wissen um die ungeheuren Kr\u00e4fte \u2013 und machen trotzdem mit.<\/p>\n<p>Es ist eben unwahrscheinlich sch\u00f6n dort oben, eigentlich jenseits von sch\u00f6n, sagt jeder Astronaut, der zur\u00fcckkam. Und die Erfahrung zeigt: 80 Prozent der gesamten Unfallwahrscheinlichkeit haben Astronauten hinter sich, wenn sie im Orbit ankommen; die restlichen 20 Prozent sind es bei der Landung. Ihre Gef\u00e4hrdung im All selber ist so gering, dass man sie gar nicht rechnet. Anders gesagt: Astronauten m\u00fcssen nach dem Start achteinhalb Minuten auf die Z\u00e4hne beissen. Dann sind sie in ihrem Paradies, auf das sie sich ihr Leben lang vorbereitet haben, und erleben u.a. 16 Sonnenauf- und unterg\u00e4nge innert 24 Stunden und &#8222;Space Night live&#8220;&#8230;<\/p>\n<p>Bruno L. Stanek (60) besch\u00e4ftigt sich seit 40 Jahren mit der Raumfahrt. Seine TV-\u00dcbertragungen der \u00abApollo\u00bb-Missionen zum Mond sind legend\u00e4r; seit 1997 bietet er sein Wissen in einem laufend nachgef\u00fchrten Multimedia-Lexikon an. N\u00e4heres unter: www. stanek.ch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00abRaumfahrt wird uns einst das \u00dcberleben sichern\u00bb Interview in der Berner Zeitung vom 3.2.2003 Raumfahrt-Experte Bruno L . Stanek glaubt nicht, dass der j\u00fcngste Unfall im Weltraum die Raumfahr l\u00e4hmen wird. 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