{"id":442,"date":"2003-02-08T00:40:17","date_gmt":"2003-02-07T23:40:17","guid":{"rendered":"http:\/\/stanek.ch\/wordpress\/?p=442"},"modified":"2010-12-01T00:42:29","modified_gmt":"2010-11-30T23:42:29","slug":"zum-columbia-unfall-im-st-galler-tagblatt-8-februar-2003","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/stanek.ch\/wordpress\/raumfahrt\/2003\/02\/zum-columbia-unfall-im-st-galler-tagblatt-8-februar-2003\/","title":{"rendered":"Zum Columbia-Unfall im St. Galler Tagblatt 8. Februar 2003"},"content":{"rendered":"<p>\u00abSinn und Unsinn bzw. Zukunft der bemannten Raumfahrt nach dem Columbia-Ungl\u00fcck\u00bb<br \/>\nKolumne im St.Galler Tagblatt am 8.2.2003<\/p>\n<p>Paradox: wenn ein Ungl\u00fccksfall wie mit der Columbia passiert, ist man froh, dergleichen nicht zum ersten Mal zu erleben. Langj\u00e4hrige Erfahrung mildert den unvermeidbaren Schock. Schon im Januar 1967 gab es den Brand in Apollo 1, der drei Opfer forderte. Titelzeile in der damaligen Schweizer Tageszeitung &#8222;Die Tat&#8220;: &#8222;US-Mondlandung nicht mehr vor 1972&#8220;. Dann jedoch fand die erfolgreiche sechste und letzte statt! Zuvor sorgte die gl\u00fcckliche Rettung der Apollo-13-Mannschaft f\u00fcr ein wesentlich verbessertes Raumschiff, und auch die Explosion von Shuttle Challenger im Januar 1986 hatte Fortschritte zur Folge, ohne die seither kaum 87 Raumtransporter unfallfrei geflogen w\u00e4ren. Nicht einmal die fatalen Abst\u00fcrze von Sojus 1 und Sojus 11 konnten das russische Weltraumprogramm aufhalten. Jedes Mal aber wird die Frage nach Sinn oder Unsinn der Raumfahrt erneut gestellt, als ob sie nicht l\u00e4ngst beantwortet w\u00e4re. Und als ob globale Wetterbilder, drahtloses Telefonieren rund um den Erdball, weltweites Fernsehen und Internet sowie erst recht GPS-Satellitennavigation auch ohne Raumfahrt einfach so vom Himmel gefallen w\u00e4ren &#8211; ganz abgesehen von Tausend anderen Erfindungen, die vielleicht auch einmal ohne Satelliten gemacht worden w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Sowohl die Ignoranz von allem, f\u00fcr das wir eigentlich dankbar sein m\u00fcssten, als auch der indirekte Nutzen von Katastrophen ist historisch verb\u00fcrgt. Die ganze Evolution der Organismen auf unserer Erde folgte st\u00e4ndig dem Prinzip Mutation und Selektion, allerdings viel brutaler, als es in unserer technischen Zivilisation abl\u00e4uft. Das Wunder der Natur bestand immer darin, dass alles ausgestorben ist, was nicht funktioniert hat. Heute nun verlangen selbst die schw\u00e4chsten Mitglieder von unvollkommenen Gesellschaften, dass in der Raumfahrt alles ohne ein einziges Opfer ablaufen solle. Noch vor exakt 100 Jahren, als der Motorflug begann, wurde der Fortschritt mit einem heute undenkbaren Blutzoll erkauft. Scheinbar gebildete Leute bezeichneten diese Versuche damals als sinnlos f\u00fcr alle Zeiten. Heute ben\u00fctzen selbst solche Kritiker das Flugzeug und vergessen, dass nicht einmal ein ganzes in der Luft verbrachtes Leben f\u00fcr einen Selbstmordversuch tauglich w\u00e4re. Etwa jeder 100. Europ\u00e4er stirbt aber fr\u00fcher oder sp\u00e4ter im Strassenverkehr, vom Extremsport abseits gesicherter Pisten oder freiwillig verabreichten Industrieschadstoffen (Tabak und Drogen) ganz zu schweigen. Wenn nun bis dato 432 Astronauten und Kosmonauten freiwillig das Risiko auf sich nahmen, unseren Horizont auf Jahrtausende zu erweitern, und 18 dabei sterben (jeder 24.), dann verlangt man das Ende der Raumfahrt. Auch weit weg vom Geschehen, bei uns, im Epizentrum der Pisastudie.<\/p>\n<p>Die Chinesenkaiser haben vor 500 Jahren ganz \u00e4hnlich die Weltreisen per Schiff verboten und so ihrem Volk den Weg gewiesen. Obwohl sich ihr Schriftzeichen f\u00fcr &#8222;Chance&#8220; aus &#8222;Katastrophe&#8220; und &#8222;M\u00f6glichkeit&#8220; zusammen setzt und ihnen der Zusammenhang zwischen Risiko und Fortschritt sehr wohl bekannt war. Noch in diesem Jahr versuchen sie, als dritte Nation zum Club derjenigen zu stossen, welche Astronauten selber ins All bef\u00f6rdern k\u00f6nnen. Derzeit arbeiten schon 100&#8217;000 Menschen in aller Welt am Aufbau der Internationalen Raumstation, dem ersten st\u00e4ndig bemannten Aussenposten der Erde. Die Weltraumindustrie generiert weltweit j\u00e4hrlich 100 Milliarden Dollar Bruttosozialprodukt, und das schon heute im wahrsten Sinne umweltfreundlich. Und morgen? Wenn dereinst auch nur ein einziger Grossmeteorit abgelenkt werden kann, haben sich alle Aufwendungen der Raumfahrt gelohnt. Seit der Entstehung der Erde sind n\u00e4mlich Dutzende von solchen Kleinplaneten nieder gegangen, von denen jeder erneut alle h\u00f6heren Lebewesen vernichten w\u00fcrde. So etwas l\u00e4sst sich verhindern? Die Mondlandung war schwieriger! Abgesehen von der Pr\u00e4vention: Ein zweiter Planet ist die beste Lebensversicherung. Mars ist eine solche Welt, von der Flugzeit her nicht weiter entfernt als die S\u00fcdsee vor 300 Jahren. Astronauten sprechen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich von Marsmenschen: von uns! Auch nach Columbia. Falls leistungsverweigernde Prognosenvollstrecker den Gang der Welt bestimmen, dann bin ich allerdings weniger optimistisch. Vor allem, was Europa anbelangt, das auch in diesem Jahrhundert noch nicht Brandstifter von Feuerwehrleuten unterscheiden kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00abSinn und Unsinn bzw. 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